Die Schleuse in Mellensee am Nottekanal.

Wem gehört der See

Berliner Zeitung, 23.06.2012

Versteigerung von Brandenburger Gewässern

Von Jens Blankennagel

Seen sind Sehnsuchtsorte. Vor allem für die Berliner, denn ihre Stadt liegt zwar direkt am Wasser, aber die Spree ist für viele ein besseres Industriegewässer. Die Seen hingegen sind der Inbegriff für Erholung. "Wenn ich den See seh’, brauch ich kein Meer mehr", heißt es im Volksmund. Früher waren die vielen Seen j.w.d. – janz weit draußen – für die Berliner nicht so leicht erreichbar. Viele Ostberliner hatten kein Auto für den kleinen Urlaub am See. Und die Westberliner trennte eine Mauer vom schönen Umland.

Der Mellensee, 50 Kilometer südlich von Berlin, steht ganz oben auf der Einkaufsliste des Landes, und daran hat auch Carsten Preuß seinen Anteil. Preuß ist Mitarbeiter im Umweltamt des Kreises Teltow-Fläming, 49 Jahre alt, parteiloser Fraktionsvorsitzender von SPD und Linken in Zossen. Bei einem Spaziergang zeigt er auf einen kleinen Engel, Teil eines aufwändigen Ornaments im Putz einer Villa am Ufer des Mellensees. In dieser Region sind die Häuser meist eher schlicht, aber hier am Ufer überbieten sie sich an Prunk und Gediegenheit. Der Aufstieg des Ortes begann, als ab 1875 die Bahn nach Berlin fuhr. Ton, Ziegel und Holz gingen in die Hauptstadt, im Gegenzug kamen Ausflügler. Die Unternehmer im Ort wurden reich und bauten Prachtvillen.

110.000 Protestunterschriften

Auch bei den kleinen Leuten war der See äußerst beliebt. Die Campingplätze waren voll zu DDR-Zeiten, und auch die Grundstücke für kleine Sommerbungalows sehr begehrt. "Die Gegend galt bei Sachsen als perfektes Reiseziel", erzählt Preuß. "Anders als in ihrer Heimat gab es viele Seen – und vor allem Westfernsehen. Und Berlin war auch nicht weit."

Zum Ende der DDR war es mit der Pracht nicht mehr so weit her, das Haus mit dem kleinen Engel erzählt noch heute davon: Dachziegel fehlen, Gras wächst aus der Dachrinne, die eiserne Wetterfahne ist abgeknickt, der Weg von Moos überwuchert. Nach der Wende blieben die Touristen erst mal aus, es lockten andere Reiseziele. Später legte die Bahn ihre Strecke nach Berlin still.

Inzwischen kommen wieder mehr Ausflügler, vor allem aus Berlin. Sie sitzen im Biergarten am stillgelegten Bahnhof auf Liegestühlen, fahren Draisine oder spielen Minigolf. Oder baden im Mellensee. Preuß steht auf der Liegewiese des Strandbades, dem touristischen Herzstück am See. Es ist an diesem Tag menschenleer. Die Sonne strahlt zwar, aber der Wind bläst kalt vom See herüber. Vorn am Wasser steht eine riesige Rutsche. "Der Tourismus läuft langsam wieder an", sagt Preuß. „Er kann aber nur wachsen, wenn der See nicht einem Einzelnen gehört."

Carsten Preuß kämpft aus Überzeugung gegen die Privatisierung der Seen im Land. "Die Gemeinde Wandlitz musste fürs eigene Strandbad 60.000 Euro an den neuen Seebesitzer zahlen", sagt er. "Das könnten wir uns hier gar nicht leisten." Der See hat zwei große offizielle Strände und viele wilde. "Es gibt in der ganzen Region nicht eine Badestelle, die sich rechnet."

Für einen Politiker hat Preuß eine sehr bedachte Art, redet fast zurückgenommen. Er lässt lieber Fakten sprechen, bei ihm sind es 110.000 Protestunterschriften gegen die Privatisierung der Seen. Als überall über den Wandlitzsee debattiert wurde, ging auch am Mellensee die Angst um, er könnte privatisiert werden, und Preuß engagierte sich. Nächtelang schrieb er Mails an Umweltgruppen, Parteien, an Grundstücksbesitzer, Angler, Segler, Taucher, an Surfer.

Seen bringen Ärger, aber kein Geld

Ihr Protest sollte den Bundestag zu einer Debatte zwingen – mit dem Ziel, dass die einst volkseigenen Seen nicht verkauft, sondern den Ländern kostenlos übertragen werden. "Die Bundesrepublik hat sie doch einfach nur von der DDR geerbt." Außerdem, sagt Preuß, bringen die Seen vor allem Ärger, aber kaum Geld. Nach 1990 verdiente der Staat mit dem Seenverkauf gerade mal 15 Millionen Euro, mit Äckern und Wäldern dagegen mehr als vier Milliarden.

Preuß hat keine privaten Gründe für sein Engagement, er wohnt ein paar Kilometer entfernt vom Mellensee. Es ist auch nicht sein Lieblingssee – der ist viel kleiner und weit weg. Für ihn geht es ums Prinzip. Er erzählt, wie beglückend die Protestaktionen waren. Ständig meldeten sich neue Unterstützer bei ihm. Einmal kam sogar eine Schweizerin extra aus Berlin angeradelt, um Unterschriften abzugeben, die sie in Kreuzberger Kneipen gesammelt hatte. "Die Anstrengung hat sich gelohnt", sagt Preuß. "Wir haben ein Problem öffentlich gemacht, das richtig viele Leute aufregt."

Aber trotz der vielen Unterschriften war der Bundestag nicht bereit, die Seen zu verschenken. Immerhin wurde der Verkauf gestoppt und mit Brandenburg verhandelt. Etwa vier Millionen Euro wird das Land nun wohl für das Seenpaket zahlen müssen. "Das sind doch eher Peanuts, wie es in der Sprache der Geldwirtschaft heißt", sagt Preuß. Jedenfalls gemessen an dem Wert, den all die Seen für das Allgemeinwohl hätten. Preuß schaut zufrieden in die Sonne. Jetzt fehlt nur noch Badewetter.

Seite nach oben scrollen
Nach oben

©2017 proMellensee e.V.