Der Nottekanal im Herbst.

Keine Stille am See

Nach dem Kauf von 65 Seen durch das Land Brandenburg geht das Gerangel um die Gewässer erst los

MAZ 08.10.2012

MELLENSEE - Werner Becker ist bester Laune. Er sitzt in seinem Berliner Stammlokal, einem Italiener in Ku'damm-Nähe. Der Düsseldorfer Anwalt verbringt fast jedes Wochenende in der Hauptstadt. Meistens fährt er auch hinaus nach Wandlitz (Barnim), an den See. Seinen See. Den kaufte Becker 2003 von der bundeseigenen Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH (BVVG), für 400.000 Euro. Er nennt es „eines der besten Geschäfte, die ich je gemacht habe“.

Jochen Oehler sitzt vor seinem gemütlichen Holzhaus am Mellensee (Teltow-Fläming), die frisch geernteten Äpfel duften, hinter Pappeln und Linden glitzert der Stichkanal, ein Kanu liegt am Ufer. Oehler hat jahrelang gegen Menschen wie Werner Becker gekämpft. Am Mellensee wurde der Streit ausgefochten, der am Wandlitzsee begonnen hatte: Die Angst vor den Beckers dieser Welt trieb 110.000 Menschen dazu, eine Online-Petition beim Bundestag zu unterzeichnen, die sich gegen den Verkauf der Wasserflächen an Private wandte. 20.000 Unterschriften hatte zudem Jochen Oehlers Verein Pro Mellensee gesammelt.

Den Kampf haben sie gewonnen. Glücklich sind sie aber dennoch nicht. 3,74 Millionen Euro hat das Land Brandenburg im Juli an die BVVG gezahlt, für 65 Seen. Brandenburg möchte sie möglichst wieder loswerden, an andere öffentliche Eigentümer. Der nächste Streit steht damit vor der Tür.

„Brandenburg, dessen Perlen die Seen sind, hat sich erbärmlich verhalten“, sagt Jochen Oehler. Er ist ernüchtert vom Kompetenzgerangel, vom Feilschen, das mit dem Erwerb einherging. Und er befürchtet, dass es damit nun weitergeht: Denn das Land will die Seen nicht etwa behalten. Sie sollen weitergereicht werden, vorzugsweise an die Kommunen. Oehler schüttelt den Kopf. Er versteht nicht, warum das Land kein Interesse an seinen Seen hat.

Werner Becker nippt an seiner Apfelschorle und sagt: „Der Ankauf durch das Land ist völliger Blödsinn, die Bevölkerung hat nichts davon. Das ist einzig und allein die Befriedigung irrationaler Ängste.“ Becker kennt inzwischen alle Details des Brandenburgischen Wassergesetzes. Er zitiert es mehrfach. „Mein Eigentum ist eingeschränkt“, ist sein Fazit: „Wenn ich ein Grundstück habe, kann ich jedem in den Hintern treten, der einen Fuß darauf setzt. Bei einem See kann ich das nicht.“ Jeder darf in einem See baden und tauchen, ihn mit einem Boot ohne Motor befahren und Schlittschuh darauf laufen, wenn der See zugefroren ist. Egal, wem das Gewässer gehört. „Mit der Allgemeinheit hatte ich nie einen Konflikt“, sagt der smarte Becker, „zu tun hatte ich nur mit meinen Nachbarn.“ 150 Stege ragen in den Wandlitzsee, auf sein Grundstück. Errichtet ohne Genehmigung. Die können die Stegbesitzer bei Becker teuer erwerben, für durchschnittlich 15 000 Euro. Die Gemeinde zahlte ihm 60 000 Euro, um ihr Strandbad mit Sprungturm weiter betreiben zu können. Zudem ergab eine Nachmessung der Grundstücksgrenzen, dass Becker in fast der Hälfte der Fälle auch ein Stück Uferzone gehörte. Bei der Vermessung 1906 muss jemand gehörig geschlampt haben. „Ich habe keine Eile“, sagt Becker. „Wenn ich jedes Jahr nur drei Grundstücke verkaufe, muss ich eigentlich nicht mehr arbeiten.“ Natürlich arbeitet er trotzdem weiter, als Anwalt für Steuerrecht in Düsseldorf sowie als Immobilienunternehmer. Auch in Wandlitz ist er aktiv. Als Seebesitzer bekommt er schließlich mit, wenn Wassergrundstücke zum Verkauf stehen. Drei Prozesse hat er geführt, dann war die Rechtslage klar. Nun, meint Becker, habe er mit niemandem mehr Streit in Wandlitz. „Ich habe den Ort richtig lieb gewonnen“, sagt er. „Ein nettes kleines Städtchen“. Ein anderer See-Anrainer hat einmal gesagt, der See sei für Becker „wie eine fette Salami“. Er könne sich ein Stück abschneiden, wann immer er Hunger habe, und sie dann wieder in den Schrank legen. 75 Grundstücke hat er verkauft, 75 Salamischeiben hat er noch.

Jochen Oehler steht auf seinem Bootssteg am kleinen Stichkanal des Mellensees und schaut in das Wasser. Es ist nur noch eine Handbreit vorhanden, darunter hat sich eine dicke Schlammschicht abgelagert. Der See ist eutroph, überdüngt. Er muss die Abwässer aus zwei weiteren Seen einer Seenkette verdauen. Der Mellensee muss saniert werden. Deswegen ist der Kauf durch das Land eine gute Nachricht, ein privater Eigentümer hätte vermutlich weder Interesse noch einen ausreichenden Zeithorizont, um so etwas in Angriff zu nehmen. Aber wird das Land das Geld dafür bereitstellen? Eine See-Sanierung kann Millionen kosten, haben Gemeinden erfahren, die ihre Gewässer ins kommunale Eigentum überführt haben und später unter den Folgekosten in die Knie gingen. Fast zwei Millionen Euro hätten sie über die Jahre ausgegeben, schätzt die Kämmerin der Gemeinde Seddiner See südlich von Potsdam.

„Der See sollte beim Land bleiben“, sagt der Bürgermeister der Gemeinde Am Mellensee, Frank Broshog. „Er ist Landeswasserstraße, insofern liegt die Verantwortung beim Land.“ Nur wenige Kommunen haben die Hand gehoben und gebeten, den See übertragen zu bekommen. Und selbst wenn sie ihr Interesse angemeldet haben, wie etwa die Gemeinde Schwielowsee für den Caputher See, dann nur für den Fall, dass das Land ihn partout nicht behalten wolle. „Wir werden die Seen kostenlos übertragen“, sagt die Sprecherin des Finanzministeriums, Ingrid Mattern, „aber wir werden nicht für alle Zeiten die Bewirtschaftungskosten übernehmen.“

Werner Becker ist nicht der Einzige, der glaubt, dass irgendwann ein öffentlicher Besitzer aus Finanznot auf die Idee kommt, von den Anrainern für ihre Stege Geld zu verlangen. So wie Becker es in Wandlitz gemacht hat. (Von Jan Sternberg)

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